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13. März 2017

Lernkultur in Estland - spielerisch, vernetzt, digital

Das BLUE-Training in Estland zeigte auf, wie erfolgreich online-gestütztes Lernen und Lehren sein kann. Lesen Sie hier nach, was die erste Gruppe im Projekt erlebt hat.

Von Europäern lernen: Estland hat sich europaweit als innovativer Bildungsstandort profiliert. Mit offenen Konzepten antwortet Estland auf die drängenden Fragen, die sich durch die Digitalisierung an die Gesellschaft und somit auch an die Schulen stellen. Von der Grundschule, über die Universität bis zum Erwachsenenbildungszentrum werden digitale Elemente in den Schulbetrieb eingebunden. Es gibt keinerlei Berührungsängste. Es herrscht offener Umgang mit den digitalen Werkzeugen und der inklusiven WLAN-Nutzung im ganzen Land. Ist Deutschland in punkto Digitalisierung Entwicklungsland? Nein, aber wir müssen definitiv aufholen und offener sein für die aktive Einbeziehung digitaler Elemente in unser Leben, in unsere Schulen, in unseren Alltag und dafür auch das nötige Geld in die Hand nehmen.

Die erste Reisegruppe im Projekt „BLUE – Blended Learning Usability Experience“, hatte die Möglichkeit genau diese Nutzungserfahrung mit digitalen Formaten in Estland zu machen. Treffpunkt der BLUE´ler war aber erstmal die Stadt Riga im benachbarten Lettland. Das liegt näher am Trainingsstandort Valga, der im tiefsten Süden von Estland an der lettischen Grenze zu finden ist. Natürlich nutzte die kulturell interessierte Gruppe den Tag in Riga dazu, um ihre ersten Schritte ins Baltikum zu wagen. Rainer Kuutma, der Leiter der Internationalen Projekte unseres Bildungspartners in Estland war unser Ansprechpartner und Reiseführer zugleich. Er hat sich rührend um uns gekümmert und uns all die Plätze, Orte, Schulen, Museen und kulturellen Einrichtungen gezeigt, die man gesehen haben muss auf diesem Fleckchen Erde. Nach der Erkundung der Stadt Riga ging es mit dem Bus weiter über die Grenze nach Estland. Das flache Land ist von Süd bis Nord gesäumt mit Wald und Moor.

Am Montag lernten wir dann unseren Trainingsstandort für die kommenden Tage kennen: das Valga County Vocational Training Centre (vkok). Die Gebäudefassade dieser Berufsschule erinnerte stark an einen Bienenstock mit gelb-braunen Waben als Fenster. Sinnbildlich kann man das auf die fleißigen Bienchen im Inneren des Lernortes übertragen. Der Headmaster der Schule, Margus Ojaots, empfing uns herzlich und wünschte uns eine spannende Zeit, die wir dann auch unter der Leitung unserer Lehrerin Eva Tšepurko hatten. In perfekt ausgerüsteten EDV-Räumen starteten wir in unser Training mit folgenden Modulen: „Classrooms go paperless“, “virtual learning platform in the 21st century”, “personalized learning with tablets“, group work online“, um die wichtigsten zu nennen.

Die Berufsschule ist sehr erfolgreich und erfahren mit online-gestütztem Unterricht. Einheimische und Austauschschüler bereiten sich gemeinsam auf ihren zukünftigen Beruf vor. In jedem Fach werden digitale Tools, Apps, Gadgets und Programme eingesetzt, um das Lernen und Lehren auf die digitale Dimension zu erweitern. Die Kochschüler erhalten zum Beispiel Unterstützung für Rezepte über ihr Tablet, welches sie per Sprachassistenten bedienen, damit nichts schmutzig wird. Die KFZ-Mechaniker messen die Autos durch und schreiben an Testprogrammen für neue Verfahren und vieles mehr.

Die BLUE-Gruppe hatte das Glück die als „best teacher oft the year“-preisgekrönte Lehrerin Eva Tšepurko als Trainerin zu bekommen. Eva gab uns Einblick in virtuelle Lernplattformen, Learning Apps, Lernen mit Tablets, Gruppenarbeit online und in die neueste Technik. Wir drehten Kurzfilme, wir durften eine Drohne über die Wälder von Valga fliegen lassen, sind per Virtual-Reality-Brille eine Achterbahn heruntergesaust, haben 3D-Drucker kennengelernt und haben die estländische Kultur hautnah erlebt.

Die Teilnehmenden im BLUE- Projekt zeigten sich begeistert. Silvia Engelhardt, Leiterin der vhs Taufkirchen meinte: „Das Ausprobieren der modernen Techniken für den Unterricht hat am meisten Eindruck hinterlassen. Drohnen fliegen lernen und damit Videos drehen, mit 360°-Kameras spielen, Tablets für jeden Gebrauch im Unterricht oder auf dem Gelände zum selbst programmierten Spiel benutzen oder eine halsbrecherische Achterbahnfahrt mit einer VR-Brille zu testen – das ist für den deutschen Pädagogen doch sehr viel auf einmal.“ Auch Vergleiche zum heimischen Volkshochschulbetrieb ließen sich in dieser inspirierenden Umgebung nicht vermeiden. Joachim Schön, Leiter der vhs Bamberg Land sagte: „So stelle ich mir die ideale Volkshochschule vor. Freundlich, inspirierend, einladend, neugierig machend, entspannend und aufregend zugleich. Offene Formate, offener Austausch, freie Kommunikation, Café in der Sonne, zwischendurch eine Lerneinheit in kreativer Atmosphäre. Estland hat mich beeindruckt.“

Die Stunden nach Ende des Trainings waren gut gefüllt mit unterschiedlichen Aktivitäten. So besuchten wir in der estländischen Stadt Tartu das Wissenschaftszentrum AHHAA. Dieses bietet sowohl Wissenschaft, spannende Beschäftigungen, Abenteuer als auch angenehme Unterhaltung. Dort gibt es Technik zum Anfassen, Selbstausprobieren und Erleben. Im Wissenschaftstheater wurde uns ein chemischer Versuch gezeigt, wir konnten ein 4D Kino besuchen und digitale Instrumente testen. In Valga selbst sahen wir die Altstadt und die Patriotic Education Exposition. Dabei drehten wir in einem Helikopter eine virtuelle Runde über die Stadt Valga. Um die Verbindung zwischen der baltischen und der deutschen Kultur aufzuzeigen, besuchten wir das Sangaste Castle (deutsch: Schloss Sagnitz). Die Adelsfamilie die dort einst residierte hatte auch deutsche Wurzeln. Besonders stolz sind die Estländer auf ihre Erfolge im Wintersport. Otepää heißt der Ort an dem die Trainingshochburg des Landes angesiedelt ist. Bei eisigen Temperaturen konnten wir ein paar tapfere Sportler beim Training beobachten.

Am Freitag gegen Ende des BLUE-Trainings reiste die Gruppe gemeinsam weiter in die Hauptstadt Tallinn, um dort der Bildungslandschaft Estlands systemisch auf den Grund zu gehen. Wir besuchten die Stiftung INNOVE. Sie wurde 2003 von der estnischen Regierung gegründet und untersteht dem Bildungs- und Forschungsministerium. Die Stiftung entwickelt Programme für das lebenslange Lernen, verwaltet die Strukturhilfe der EU, die zu großen Teilen in Bildung investiert wird und berät die Schulen des Landes konzeptionell. Nach diesem spannenden Einblick lernten wir noch Stiftung für Informationstechnologie HITSA kennen. Aufgabe der Stiftung ist es, dafür zu sorgen, dass die Absolventen aller Bildungsabschlüsse beim Lernen und Lehren die digitalen Kenntnisse und Fähigkeiten erhalten, die notwendig für die weitere wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung Estlands sind. Krönender Abschluss war das Sightseeing durch die wunderschöne Hauptstadt Tallinn. Wie ein buntes Juwel liegt sie am Finnischen Meerbusen mit Wahrzeichen wie der Alexander-Newski-Kathedrale, deren Innenleben genauso schön ist wie ihr Äußeres.

Wir haben viel gelernt über das Land, seine Kultur und über die Einsetzbarkeit digitaler Elemente im Klassenzimmer. Die erste BLUE-Gruppe hatte gemeinsam eine „Usability Experience“ die man nur weiter empfehlen kann.



Bilder & Text: Claudia Graab

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