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EFQM 2017

04. April 2019

„Europa im Fokus“ – vhs und die Europäische Union

Alan Smith war lange Jahre bei der Europäischen Kommission in Brüssel für die Erwachsenenbildung verantwortlich. Nun setzt er zusammen mit Rainer Dobbelstein, Generalkonsul a. D., an der vhs Bonn mit einer eigenen Europa-Reihe neue Akzente. Der bvv hat dazu mit Alan Smith ein Interview geführt.


Bildquelle: ©Grecaud Paul - stock.adobe.com

Interview aus dem Bereich "Europäische Zusammenarbeit" des bvv

bvv: Herr Smith, Sie waren früher bei der Europäischen Kommission in Brüssel für die Erwachsenenbildung zuständig. Sie haben das legendäre „Grundtvig“-Programm aus der Taufe gehoben und mehrere Jahre lang geleitet. Was hat Sie nun bewogen, selbst als Kursleiter in die Erwachsenenbildung einzusteigen?

Alan Smith: Nun, auf der letzten Etappe „from cradle to grave“ muss man ja versuchen, eine unterhaltsame und möglichst auch nützliche Beschäftigung zu finden... Aber Spaß beiseite, im Mai steht Europa vor einer wirklich weichenstellenden Wahl. Es ist extrem wichtig, dass die Bürger*innen zur Urne gehen und ihre Wahlentscheidung auf der Grundlage einer klaren Vorstellung davon treffen, was die EU leistet – nicht nur zur Sicherung des Friedens in Europa und zur Lösung der großen grenzüberschreitenden Fragen sondern auch im täglichen Leben von uns allen. Die vhs – und die Erwachsenenbildung generell – können m.E. in diesem Zusammenhang einen großen Beitrag leisten.

bvv: So entstand also die Idee zu „Europa im Fokus“. Von wem ging sie aus und wie kamen Sie an Bord?

Alan Smith: Die Leiterin der Bonner vhs, Dr. Ingrid Schöll, wollte die Arbeit der vhs in diesem Bereich weiter verstärken (Bonn ist in NRW als „europa-aktive Stadt“ anerkannt) und hat mich angesprochen. Wir haben uns vor ein paar Jahren kennengelernt, als ich für den Deutschen Volkshochschulverband (DVV) einen Bericht zur Stärkung der europäischen Dimension der Volkshochschulen erstellte.

bvv: Die europäische Dimension? Was heißt das genau?

Alan Smith: Die Volkshochschulen kommen in vielfältiger Weise mit Europa in Berührung, sei es als Partner in der Durchführung von EU-geförderten Maßnahmen (die bayerischen vhs sind ja z.T. bei der Nutzung von ESF-Fördermitteln sehr aktiv), als Mitwirkende bei europäischen Projekten oder im Rahmen der europäischen Mobilität für Erwachsenenbildner. Es gibt aber eben auch den inhaltlichen Aspekt, nämlich die vhs als Vermittler europäischer Inhalte im Rahmen der europapolitischen Bildung. Das war der Anhaltspunkt für „Europa im Fokus“.

bvv: Was war aus Ihrer Sicht das Besondere an der Reihe?

Alan Smith: Ich empfand sie eigentlich nicht als so bahnbrechend, aber in einem thematischen Bereich, der in vhs-Kreisen oft als „schwierig“ gilt, hat sie sich jedenfalls einer großen Resonanz erfreut. Über 230 Bürger*innen nahmen teil, mit durchschnittlich über 60 pro Veranstaltung. Ich glaube, das hing einerseits mit der Tatsache zusammen, dass wir die Reihe in offizieller Partnerschaft mit der Regionalvertretung der Kommission in Bonn (und in deren Räumlichkeiten) durchgeführt haben. Aber auch der Doppelansatz bei den Impulsvorträgen – häufig mit einem mehr wissenschaftlichen und einem anderen aus dem Blickwinkel einer engagierten NGO bzw. Gewerkschaft – fand breite Zustimmung.

bvv: Gab es Aspekte, die Sie enttäuscht haben?

Alan Smith: Wir hätten sehr gerne mehr junge Leute dabeigehabt. Zwar war der Altersdurchschnitt bedeutend niedriger als bei anderen vergleichbaren Veranstaltungen zu europäischen Themen in Bonn, aber es war auch bei uns in dieser Hinsicht viel Raum nach oben. Wir hatten auch das Dezernat Internationales der Uni Bonn als Kooperationspartner mit im Boot, aber die Hoffnung, besonders Erasmus-Studierende aus dem In- und Ausland als Teilnehmende zu gewinnen, ging nur begrenzt in Erfüllung.

bvv: Glauben Sie, das eine solche Reihe auch in Bayern über die Bühne gehen könnte?

Alan Smith: Klar, warum nicht? Die bayerischen vhs waren schon immer europafreundlich und der Verband hat sie dabei auch immer sehr unterstützt. Die Teilnahmestatistik der deutschen vhs an „Grundtvig“ sprechen da eine deutliche Sprache: Bayern war und bleibt vorne dabei. Als ich noch bei der Kommission arbeitete, wurde ich übrigens schon 2004 zur Teilnahme an Ihrer Landestagung in Bamberg eingeladen! Hinzu kommt, dass Sie auch in München eine Regionalvertretung der EU als möglichen Partner für die Reihe hätten. Natürlich könnte man auch in Bayern die Hochschulen für eine solche Kooperation ansprechen. Ich würde mich jedenfalls super freuen, wenn der Versuch gestartet würde!

bvv: Warum ist für Sie die europäische Kooperation für Erwachsenenbildung so enorm wichtig?

Alan Smith: Eine Kollegin bei der Hamburger vhs hat es einmal auf den Punkt gebracht: „Wo kann man besser lernen als in europäischen Projekten?“ Und ich würde hinzufügen: „… oder durch europäische Mobilität“. Das gilt in der Erwachsenenbildung genau so wie in der Hochschule, Schule oder in der beruflichen Bildung. Für die vhs, ihre Kursleiter und die Lernenden bedeutet das aufgrund des umfangreichen Feedbackmaterials, das uns zur Verfügung steht (und wenn auch nicht bei allen Projekten in gleichem Maße):

  • Neue Inhalte, Methoden und Instrumente („Lernende Organisation‟)
  • Verbessertes Fachwissen und verstärkte Kompetenzen (Personal und Lernende): Fachkenntnisse auf den spezifischen Themengebieten der Projekte; Fremdsprachenkenntnisse; Zusatzkompetenzen in Bereichen wie Projektmanagement, IT und Medien; Erhöhte interkulturelle Sensibilität
  • Bildung dauerhafter professioneller Netzwerke
  • Verstärkte Motivation des Personals
  • Anregendere „Lernambiente″
  • Verstärkung der internationalen Beziehungen der EB-Einrichtung
  • Aufwertung der vhs / EB-Einrichtung in Gemeinde und Region
  • Verbesserung der Chancen bei der künftigen Drittmittelakquise
  • Verstärkte Überzeugung der Notwendigkeit europäischen Zusammenhalts
  • Dauerhafte Freundschaften über die nationalen Grenzen hinweg

bvv: Internationale Freundschaften, die nach europäischen Kooperationen geschlossen werden, sind ein besonderes Privileg der Europa-Arbeit, oder?

Ja, besonders die dauerhaften Freundschaften über die nationalen Grenzen hinweg darf man nicht unterschätzen. Denn die aktive Teilhabe an Europa, die transnationale Projekte und Mobilität ermöglichen, ist ein wichtiger Faktor beim Entstehen eines echten Europas der Bürgerinnen und Bürger!

bvv: Zurzeit ist die nächste Phase des EU-Programms in der Planung. Was erwartet uns und was erhoffen Sie sich als Neuerungen für die Zukunft?

Alan Smith: Ich bin natürlich nicht mehr eingeweiht in die Detailplanung. Es freut mich aber sehr, dass das Europäische Parlament eine ganze Reihe von Forderungen stellt, die – falls am Ende wirklich verabschiedet – die Position der Erwachsenenbildung stärken würden. Dazu gehören ein höherer Budgetanteil, bessere Zugangsmöglichkeiten für kleinere Bildungseinrichtungen, die Betonung der Priorität für benachteiligte Bevölkerungsgruppen, eine stärkere Hervorhebung des non-formellen und informellen Lernens, die Einbeziehung der Erwachsenenbildung in die spezifischen europapolitischen Maßnahmen „Jean Monnet“ und ganz besonders die Mobilität für Lernende in der Erwachsenenbildung. Nun kommt es darauf an, dass die Erwachsenenbildung ihre Unterstützung für diese Verbesserungen in den weiteren Verhandlungen unterstreicht – eine echte Aufgabe für den bvv und seine Verbündeten auf nationaler und europäischer Ebene.

Herzlichen Dank für das Interview, Herr Smith!

Das Interview führte Claudia Graab. Sie ist verantwortlich für den Bereich Europäische Zusammenarbeit im bvv.

Ihre Ansprechpartnerin
Claudia Graab
Tel: +49 89 510 80 52
Die vhs Bonn hat Europa im Fokus.