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EFQM 2017

09. August 2018

Interview mit Helmut Ettenhuber

kursif sprach mit dem Münchner Urgestein Helmut Ettenhuber. Er ist seit mehr als 50 Jahren als Dozent für die Volkshochschule unterwegs. Von Überdruss nicht die geringste Spur. Denn: "Mein ganzes Leben lang unterrichte ich Menschen, die freiwillig in die Kurse kommen. Aus Lust am Lernen."

Er kennt die Münchner Volkshochschule aus Teilnehmersicht und aus langjähriger Kursleiterperspektive. Vor kurzem ist er 70 Jahre alt geworden, der unermüdliche Sprachlehrer an der Münchner Volkshochschule. Er ist ein „echter“ Münchner, Native Speaker des Oberbairischen. „Mit den bayerischen Klischees habe ich es aber nicht“, sagt er im Gespräch mit der kursif-Redaktion. „Ich habe keine Lederhose, meine Frau trägt kein Dirndl und auf die Wiesn gehe ich eher selten.“ „Etty“, wie man ihn im Kollegen- und Freundeskreis liebevoll nennt, lässt seine bayerischen Wurzeln und seine Muttersprache Bairisch in Volkshochschul-Kursen sprechen. Seit 2005 unterrichtet er neben Englisch und Deutsch als Fremdsprache auch Bairisch: „Liebe Preißn! Bei mir lernts a Ihr Bairisch!“ So stellt die Münchner Volkshochschule in der Dozentengalerie ihre „Wunderwaffe“ Helmut Ettenhuber vor. Aber beginnen wir von vorn.

Wie alles anfing
Eigentlich wollte er Kunsterzieher oder Grafiker werden. Aber seine Eltern waren dagegen, er solle „etwas Solides“ machen. So schlug er eine Laufbahn als Verwaltungsangestellter ein und arbeitete im Einwohnermeldeamt. Dorthin kamen damals, Ende der 1960er-Jahre, Migrantinnen und Migranten aus Südeuropa, „Gastarbeiter“ genannt. „Mein Chef war ein alter Nazi, der war komplett gegen Ausländer und behandelte sie unmöglich. Das war mir zuwider. Ich wollte die Leute verstehen und mit ihnen sprechen können. So lernte ich – zu Beginn eher aus Trotz – in der Münchner Volkshochschule Italienisch, Griechisch und Türkisch. Bis heute bin ich ein begeisterter Sprachenlerner bei der Volkshochschule, u. a. habe ich Arabisch, Finnisch und Japanisch gelernt. Ich habe die Gewohnheit, vor Auslandsreisen wenigstens 100 Wörter in der jeweiligen Landessprache zu lernen. Damit kann ich keine komplizierten Diskussionen führen, aber allein die Geste öffnet die Herzen der Menschen.“

Und dann saßen da 75 Leute
Über einen Freund kam Helmut Ettenhuber zuerst als „Sekretär“ zur Münchner Volkshochschule, in die Abteilung Literatur, Englisch, Reisen. Er verwaltete Kursanmeldungen auf Listen und Karteikarten, tippte Ausschreibungstexte auf einer mechanischen Schreibmaschine mit vier Durchschlägen. Eines Tages fiel ein Englisch-Kursleiter aus und Ettenhuber, der neben seinem Verwaltungsjob Englisch und Spanisch am Sprachen- und Dolmetscher-Institut studierte, sprang ein. „Im ersten Kurs, der dann mit meinem Namen im Programm ausgeschrieben war, saßen am ersten Abend 75 Leute. Es gab in der Stadt 15 Einschreibestellen und keine vernetzten Computer wie heute. Da ließ man sich überraschen und teilte die Gruppen anschließend auf.“

Beginn einer wunderbaren Karriere
Helmut Ettenhuber hat seit seinem ersten Einsatz nahezu ununterbrochen als Sprachkursleiter an der Volkshochschule gearbeitet. Auch Sprachlabor und Superlearning konnten seine Freude am Unterrichten nicht trüben. „Ich unterrichte Englisch in den Stufen A1 bis B2, besonders im Seniorenprogramm, aber immer auch einen Kurs Englisch für Anfänger. Der findet in einem tollen Ambiente statt, im Kriechbaumhof in Haidhausen. Meine Aufgabe sehe ich darin, meine Teilnehmerinnen und Teilnehmer zur Sprechfähigkeit zu bringen. Ihnen Türen öffnen, dass sie herauskommen und sich nicht hinter Ängsten verschanzen, vielleicht Fehler zu machen. Gegen das Sprachlabor haben meine Teilnehmerinnen und Teilnehmer damals rebelliert. Sie wollten nicht 50 Prozent ihrer Kurszeit in „diesem Kasten“ verbringen. Sie schätzen die Atmosphäre, das Lernen in der Gruppe und mich als Vermittler. Bei allen meinen Sprachkursen – ich unterrichte auch Deutsch als Fremdsprache und seit 2005 gebe ich Bairisch-Kurse – gehe ich systematisch vor, lege großen Wert auf Grammatik als Tor zur Sprache und strahle offenbar gleichzeitig große Freude am Sprachenlernen aus. Ich will, dass meine Kurse Spaß machen.“
Helmut Ettenhuber ist so sehr mit Leib und Seele Sprachkursleiter, dass ihn diese Leidenschaft selbst auf einer Weltreise nicht losließ. In Jamaica blieben die amerikanischen Touristen aus, weil sich in den 1970er-Jahren der dortige Präsident an Fidel Castro orientierte. Deutsche Touristen füllten die entstandene Lücke. Aber in der Gastronomie und in der Touristik konnte keiner ein Wort Deutsch. Deutschlehrer händeringend gesucht ... „Ich hatte 60 Schüler, 30 Sitzplätze und 10 Bücher“.

Taiji und Qigong in Peking
Im Chinesischen ist Helmut Ettenhuber über die 100 Wörter nicht hinausgekommen. Aber als er mit einer Seniorengruppe eine China-Reise unternahm – engagierter Reiseleiter ist er nämlich auch noch – da wusste er, dass einige seiner Teilnehmerinnen und Teilnehmer in München in der Volkshochschule Qigong- und Taiji-Kurse besuchen. Und so ermöglichte er seiner Reisegruppe ein Eintauchen der besonderen Art in die fremde Kultur. Morgens um 5 Uhr standen die Reiseteilnehmer und -teilnehmerinnen in Peking auf der Matte alias auf den großen Plätzen und übten sich mit tausenden von Chinesinnen und Chinesen im frühen Qigong und Taiji.

Bairisch gehört im vhs-Programm zur Kategorie „selten unterrichtete Sprachen“
Als bei der Münchner Volkshochschule die Nachfrage nach einem Bairischkurs wuchs, trat man selbstverständlich an ihn heran: „Etty, das machst du.“ Muttersprachler, Ureinwohner und leidenschaftlicher Erwachsenenbildner – da gab es nicht viel zu diskutieren. Helmut Ettenhuber macht kein Hehl daraus, dass Bairisch nicht einfach zu erlernen ist: „Für viele Fremde ist Bairisch mindestens so schwierig wie Arabisch, nur die Schriftzeichen sind etwas einfacher zu entschlüsseln.“ Die Vereine, Professoren und andere Leute, die das Bairische vor dem Aussterben bewahren wollen, schätzt und respektiert er, nimmt aber selbst nicht an deren Aktivitäten teil. „Ich will ja nicht die Sprache bewahren, ich will, dass die Leute sich in der heute lebendigen gesprochenen Sprache Bairisch zurechtfinden und sich darin ausdrücken können. Ich unterrichte Bairisch bzw. Münchnerisch wie eine Fremdsprache, Syntax, Phonetik, Grammatik, Konversation. Ich benutze eine sehr stark phonetische Schreibweise, wenn im Unterricht geschrieben werden muss.“ Können die Kursbesucher denn nach den zehn Abenden Bairisch? „Sicher sind sie nach den zehn Abenden noch unbeholfen und ihr Wortschatz ist noch nicht sehr umfangreich. Aber sie haben ein Gespür für das Bairische entwickelt, sie können Sprachmuster erkennen und sie wollen mehr.“ Freunde des Genitiv kommen nicht auf ihre Kosten, denn er existiert im Bairischen so gut wie nicht mehr. Umso schöner ist der bairische Konjunktiv, der meistens mit dem Wörtchen „tun“ einhergeht: „I dad scho auf die Kampenwand ...“

Und wer lernt Bairisch?
„Grob unterscheide ich drei Gruppen. Die besten Bairisch-Lerner sind Ausländerinnen und Ausländer. Die denken nicht wie deutsche Muttersprachler ‚Ach was, das ist ja bloß ein regionaler Dialekt, das ist ja kaum ein Unterschied zur Schriftsprache, das kann ich schon‘. Die lernen Bairisch als Fremdsprache, sind offen und neugierig. Im Programm Deutsch als Fremdsprache gebe ich auch immer einen kurzen Bairisch-Kurs zum Hineinschnuppern. Die zweite Gruppe sind deutsche Nichtbayern, „Preißn“ also. Die es aus beruflichen Gründen oder der Liebe wegen nach Bayern verschlagen hat und die Land, Leute und Sprache kennenlernen wollen. Und die dritte Gruppe, das sind junge Leute aus Bayern, gebürtige Münchner Kindln, die im Elternhaus, in der Schule und im Freundeskreis Hochdeutsch sprechen, aber unbedingt Bairisch lernen wollen. Sie haben meist einen großen passiven Wortschatz.“

Reich geworden, so Helmut Ettenhuber, ist er als langjähriger Sprachkursleiter an der Volkshochschule nicht. „Aber jeden Tag gerne zur Arbeit gegangen, bis heute.“ kursif sagt herzlichen Dank und alles Gute!