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EFQM 2017

15. Mai 2020

Erwachsenenbildung in der Krise

Die Arbeitsgemeinschaft der Träger der Erwachsenenbildung in Bayern (AGEB) ist alarmiert: Die Coronakrise gefährdet kurz- und mittelfristig die im BayEbFöG grundgelegte Struktur der Erwachsenenbildung in Bayern.

Wir dokumentieren eine aktuelle Stellungnahme der AGEB:

"1. Durch die Aussetzung des Kursbetriebs Mitte März sind viele Einrichtungen in akute Notsituationen geraten, auf die mit unterschiedlichen Maßnahmen reagiert wird (s. Punkt 2). Selbst bei einer kurzfristigen Wiederaufnahme des Lehrbetriebs ist mindestens bis Ende 2021 mit massiven Einnahmeausfällen zu rechnen, die den Bestand zahlreicher Erwachsenenbildungseinrichtungen in Bayern gefährden. Denn man muss davon ausgehen, dass die Einschränkungen im Kursbetrieb vsl. aufgrund des fehlenden Impfstoffs und der zu erwartenden erneuten Ausbrüche entsprechend lange andauern werden. Die eingeschränkten Bedingungen äußern sich wie folgt:
  • Reduzierte Kurs- und Veranstaltungsgrößen: Unter Einhaltung aktueller Hygieneschutzmaßnahmen müssen Kursgröße verkleinert werden, um Abstandsregelungen einzuhalten. Der erforderliche Kostendeckungsbeitrag kann nicht mehr erwirtschaftet werden.
  • Verkleinertes Angebot: Risikogeneigtere Veranstaltungen (z.B. Kochen, teilw. Bewegungskurse) können nicht oder nur in sehr reduziertem Umfang stattfinden.
  • Fehlende Räume: Einerseits führen reduzierte Kursgrößen dazu, dass mehr Räume benötigt werden, um Teilnehmerbedarfen gerecht zu werden. Andererseits ist die Fremdnutzung von Räumen insbesondere in Schulen teilweise dauerhaft nicht möglich.
  • Rückgang an Kursbuchungen: Wir gehen von einem Rückgang von Buchungen von betroffenen Personen der Risikogruppen aus. Außerdem wird sich die fehlende „Kaufkraft“ in der Bevölkerung und die unsichere Perspektive auf die Teilnahme an Weiterbildungsangeboten negativ auswirken.
  • Mehrausgaben Hygienemaßnahmen: Die Konzipierung und Implementierung individueller Hygienemaßnahmen (Beschilderungen, Wegesysteme, Bestuhlungskonzepte, Desinfektion von Kursräumen, ggf. kleinere Umbaumaßnahmen) in den Einrichtungen vor Ort verursachen Mehrkosten.

2. Zahlen und Fakten am Beispiel der Volkshochschulen
Akutsituation (Stand: 8. Mai 2020):
  • ca. 40% aller Einnahmen der Volkshochschulen werden über die TN-Gebühren erzielt (hinzu kommen 29% kommunale Zuschüsse, 6% Landeszuschüsse, 25% sonstige Einnahmen). Das bedeutet, dass die Haupteinnahmequelle der Volkshochschulen zusammengebrochen ist. Die reinen Online-Kurse und -Veranstaltungen (nicht förderfähig nach dem BayEbFöG; werden derzeit von 80% der Volkshochschulen in Bayern durchgeführt) werden zunehmend kostenpflichtig angeboten. Damit kann nach derzeitigem Stand (noch) kein ausreichender Kostendeckungsbeitrag erwirtschaftet werden, um Volkshochschulen zu stabilisieren.
  • Kurzarbeit bei ca. 50% der privatrechtlich organisierten Volkshochschulen (e.V., gGmbHs).
  • weitere personelle Maßnahmen bei 38% der Volkshochschulen (Kündigungen, Nichtverlängerung von Stellen bzw. keine Nachbesetzung von Stellen, zeitlich begrenzte Schließung von Geschäftsstellen, Verzicht auf Ausbildung von Auszubildenden)
  • Ein Drittel der Volkshochschulen haben Corona-Soforthilfe beantragt.
  • 29% der Volkshochschulen haben SodEG-Zuschüsse beantragt.

Mittelfristige Situation (bis Dezember 2021):
Aus den unter 1. genannten Gründen rechnen die Volkshochschulen bis Ende 2021 mit einer Finanzierungslücke von ca. 74 Millionen Euro. Bei der Berechnung wurden folgende Parameter zugrunde gelegt:

Zeitraum: 16. März 2020 – 31. Dezember 2021
Referenzstatistik: DIE-Statistik des Jahres 2018 (für das Jahr 2019 liegen noch keine Daten vor)
  • sukzessive Reduktion der Mindereinnahmen bzgl. TN-Gebühren von 100% (März/April 2020) bis 30% in der zweiten Jahreshälfte 2021.
  • sukzessive Reduktion der Minderausgaben von 80% (März/April 2020) auf 5% in der zweiten Jahreshälfte 2021.

Die anderen Landesorganisationen und Träger der Erwachsenenbildung stehen in unterschiedlicher Gewichtung vor den gleichen Problemen. Die Katholische Erwachsenenbildung in Bayern rechnet bspw. mit einer Finanzierungslücke von rund 7 Millionen Euro bis Ende 2021. Auch die Evangelische Erwachsenenbildung sieht sich langfristig mit einer wachsenden Finanzlücke im oberen einstelligen Millionenbereich konfrontiert. Ebenso das BBV Bildungswerk und auch die gewerkschaftlichen Bildungsträger rechnen mit einer Finanzlücke im Millionenbereich bis Ende 2021. Der finanzielle Schaden insgesamt kann die Größenordnung von 100 Millionen Euro erreichen. Das ist eine Belastung, an der das System der Erwachsenenbildung in Bayern zerbrechen kann − und liegt doch nur im Promillebereich der bislang aufgespannten Rettungsschirme.

3. Maßnahmen
Entwicklung eines Rettungsschirms für die Erwachsenenbildung

Aufgrund des Verfassungsrangs der Erwachsenenbildung sind Staat und Kommunen aufgefordert, das bestehende plurale System der Erwachsenenbildung zu stabilisieren. Konkret bedeutet dies:
  • kurzfristige Existenzsicherung gefährdeter Einrichtungen, für die die staatlichen Maßnahmen (Soforthilfe Corona) nicht ausreichen. Erhöhte staatliche Zuschüsse müssen dazu führen, dass die Kurzarbeitsphase schnellstmöglich beendet werden und die Programmplanung für die folgenden Semester anlaufen kann.
  • mittelfristige Stabilisierung des Systems über Zuschusserhöhungen zum teilweisen Ausgleich der Finanzierungslücken.
  • Umsetzung weiterer Maßnahmen innerhalb des bestehenden Fördersystems
    (teilweise) Umwandlung der vorhandenen Projektfördermittel in eine institutionelle Förderung
    Sicherstellung der bereits vom Landtag beschlossenen Mittelerhöhung der EbFöG-Förderung für den Doppelhaushalt 21/22
    Sicherung von Einrichtungen aufgrund des Nicht-Erreichens des Mindestarbeitsumfangs.


AG EB – 14.05.2020
Digitale Bildung
Ansprechpartner
Dr. Christian Hörmann
Tel: +49 89 510 80 10
Dr. Regine Sgodda
Tel: +49 89 510 80 11