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EFQM 2017

05. Mai 2020

Volkshochschulen – Bildungspartner in der Krise

Die gegenwärtige Corona-Pandemie stellt Deutschland vor ganz neue Herausforderungen. Wir erleben derzeit, wie das Krisenmanagement alle gesellschaftlichen Bereiche beeinflusst. Volkshochschulen und ihre Verbände verfolgen die Entwicklungen mit größter Aufmerksamkeit.

Die Präsidentin des Deutschen Volkshochschul-Verbands, Frau Annegret Kramp-Karrenbauer (MdB), und DVV-Vorsitzender Martin Rabanus (MdB) haben sich mit einem aktuellen Positionspapier "Volkshochschulen - Bildungspartner in der Krise" an die Bundesministerin für Bildung und Forschung, Frau Anja Karliczek (MdB) und an den bayerischen Ministerpräsidenten Herrn Dr. Markus Söder (MdL) als Vorsitzenden der Ministerpräsidentenkonferenz, gewandt. In dem Schreiben heißt es:


"Die Eindämmung der Pandemie und der Schutz der Gesundheit haben oberste Priorität. Beides wird unser Leben und unsere Lebensgewohnheiten noch über Monate, in mancher Hinsicht vielleicht sogar dauerhaft verändern. Nicht nur die Entscheidungsträger aller staatlichen Ebenen, sondern wir alle müssen in dieser Krise täglich dazulernen. Anknüpfend an unser Schreiben vom 30. März an die Ministerpräsidentenkonferenz sprechen wir zunächst unseren Dank aus für Ihren Einsatz für bundeseinheitliche Regelungen im Bildungsbereich und für das Aufsetzen einzelner Soforthilfemaßnahmen, die auch Volkshochschulen dabei helfen, diese existenziell schwierige Phase zu überbrücken. Auch weiterhin sind einheitliche Vorgehensweise und gleiche Zeitläufe bei allen Maßnahmen in den Bundesländern für uns von großer Bedeutung, nicht zuletzt damit auch Förderungen des Bundes – etwa für Integrationskurse – einheitlich wiederaufgenommen und gestaltet werden können.

Volkshochschulen und ihre Verbände verfolgen die Entwicklungen mit größter Aufmerksamkeit und in Sorge um die eigene Existenz. Zugleich aber halten wir als Einrichtungen in öffentlicher Trägerschaft an unserem Auftrag fest, für neue gesellschaftliche Anforderungen, die sich aus der aktuellen Krise jetzt und darüber hinaus ergeben, adäquate Weiterbildungsangebote zu entwickeln und umzusetzen. 900 Volkshochschulen und knapp 2.800 Außenstellen bilden ein flächendeckendes Netzwerk an kommunalen Weiterbildungszentren, die überall in Deutschland das Krisenmanagement von Bund, Ländern und Kommunen flankieren und unterstützen können. Jetzt gewinnt der Leitgedanke der Volkshochschulen, „Bildung für alle“, besonders an Bedeutung. An Volkshochschulen treten ganz unterschiedliche Menschen in einen gemeinsamen Lernprozess, der den gesellschaftlichen Zusammenhalt fördert und die Resilienz jedes Einzelnen stärkt.

Volkshochschulen erreichen mit ihren niederschwelligen Angeboten auch Menschen mit schwierigen Bildungsvoraussetzungen nachweislich besonders gut. Die aktuelle Situation bringt spezifische Bildungsbedarfe hervor. Um ihnen gerecht zu werden und um die Bevölkerung in ihrer gesamten Breite in notwendige Informations- und Entwicklungsprozesse einzubinden, ist die gesamte Bildungskette, sind alle Bestandteile des Bildungssystems gefordert, auch die Weiterbildung. Volkshochschulen verfügen über Konzepte, Formate und Instrumente, um die dringenden, flächendeckenden Weiterbildungsbedarfe eines Großteils der Bevölkerung zu decken. Wir bieten nachdrücklich unsere Bildungspartnerschaft an und wollen mit Bund, Ländern und Kommunen in einen Dialog treten, um diese Krise gemeinsam zu überwinden und miteinander nachhaltig und wirkungsvoll Weiterbildung zu gestalten.
Digitale Bildung

  • Digitale Bildung
    Die Volkshochschulen haben aufbauend auf ihrer digitalen Kommunikations- und Lernplattform „vhs.cloud“ in kürzester Zeit eine Vielzahl digitaler Lernangebote aufsetzen können. Damit verfügen wir über eine leistungsfähige Grundlage, um Erwachsene in ihrer digitalen Qualifizierung zu unterstützen. Die derzeitige Hochkonjunktur digitaler Angebote zeigt aber auch, dass wir es bereits mit einer digitalen Spaltung der Gesellschaft zu tun haben, die durch die Corona-Krise nicht weiter verschärft werden darf. Wir brauchen daher ein breit angelegtes Angebot digitaler Weiterbildung, zielgruppendifferenzierte Angebote und vor allem niederschwellige Zugänge. Damit Menschen in jedem Alter und in jeder Lebenslage die Chance haben, am digitalen Wandel teilzuhaben, und damit Deutschland zu einem starken Digitalland entwickelt werden kann, benötigt auch die Weiterbildung einen Digitalpakt.
  • Unterstützung des Schulbetriebs
    Mehrere zehntausend Erwachsene, ganz überwiegend junge Menschen unter 25 Jahren, belegen jedes Jahr Kurse an Volkshochschulen, um auf dem zweiten Bildungsweg ihren Schulabschluss zu erwerben und so im Berufsleben besser Fuß zu fassen. Die Teilnehmenden sind zuvor im regulären Schulsystem gescheitert und brauchen besondere Unterstützung, um ihr Potenzial zu entfalten und um erfolgreich zu lernen. In einigen Bundesländern gibt es bereits konkrete Schritte und Überlegungen, damit die Schulabschlusskurse trotz Corona wieder schrittweise anlaufen können. Aus unserer Sicht birgt die Idee einer weitergehenden Verzahnung von Schule und Volkshochschule großes Potenzial. Bereits heute bieten Volkshochschulen auch Unterstützungskurse für die Vorbereitung auf das Abitur an sowie Kurse zum Erlangen der Hochschul- und Fachhochschulreife. Da der Regelschulbetrieb in den kommenden Monaten sicherlich nur mit Einschränkungen möglich sein wird, können Volkshochschulen mit ihren Ressourcen helfen, das Unterrichtsangebot sinnvoll zu verstärken. Wir können in Partnerschaft digitale Lernwelten bereitstellen und qualifizierte Lernbegleitung ermöglichen. Indem wir Lehrende und Lernende für den souveränen Umgang mit den digitalen Möglichkeiten fit machen, verhindern wir nicht nur Stillstand, sondern eröffnen Weiterbildungschancen für unsere Gesellschaft weit über die Krise hinaus.
  • Politische Bildung und Medienkompetenz
    Fake News und Verschwörungstheorien schießen gerade in Krisenzeiten ins Kraut, bieten sie doch einfache Erklärungsmuster zum vermeintlichen Verständnis einer komplexen Lage. Der Deutsche Volkshochschul-Verband hat mit Fördermitteln aus dem Kinder- und Jugendplan des Bundes gemeinsam mit dem Grimme-Institut eine Modulbox zur politischen Medienbildung entwickelt, um die Widerstandskraft gegen Fake News und gegen Verschwörungstheorien zu stärken. Dieses erfolgreiche Konzept sollte bundesweit zum Einsatz kommen können. Eine Ausweitung auf ältere Zielgruppen ist sinnvoll und dringend geboten, um allen Bürgerinnen und Bürgern Halt und Orientierung zu geben in unruhigen Zeiten. Das bereits erprobte Format der Bürgerdialoge ist auch und besonders in einer Zeit gefragt, in der die Grundrechte und der gesellschaftliche Zusammenhalt auf eine harte Probe gestellt werden. Die bislang eher analog durchgeführten Dialoge und der jetzt so wichtige sachorientierte Austausch mit Politikerinnen und Politikern sollten eine digitale Fortsetzung erfahren.
  • Gesundheitliche Aufklärung
    Wir werden täglich mit virologischen und epidemiologischen Fakten und Einschätzungen konfrontiert. Nicht alle Menschen können diese Informationen und die daraus abgeleiteten Verhaltensregeln auf Anhieb nachvollziehen und in die Praxis umsetzen. Volkshochschulen verfügen über weitreichende Kompetenzen und Erfahrungen auch im Bereich niedrigschwelliger Gesundheitsbildung. Sie können einen wichtigen Beitrag dazu leisten, die Akzeptanz der Regeln zum allgemeinen Gesundheitsschutz zu erhöhen und ihre Anwendung einzuüben. Präsenzkurse mit kleiner Gruppengröße sind ein sehr sinnvolles Setting, denn dort wird der rücksichtsvolle Umgang miteinander erlebbar. Unsere Lehrkräfte können mit ihren interkulturellen Kompetenzen besonders gut transportieren, dass und wie eine Veränderung gewohnter Gepflogenheiten nicht zwingend als Restriktion verstanden werden muss.


Das breite Programmangebot der Volkshochschulen ist unverwechselbar und doch flexibel. Es bildet eine bedarfsgerecht ausbaufähige Basis, um in der gegenwärtigen Krise zentralen Bildungsanforderungen gerecht zu werden. Hierfür ist der Fortbestand der Volkshochschulen unabdingbar.
Die Volkshochschulen und ihre Verbände fordern Bund, Länder und Kommunen deshalb auf,
  1. die Zukunft der Volkshochschulen als wichtige Säule im Bildungsbereich zu sichern und sie in der derzeitigen Krise mit allen notwendigen gesetzlichen Regularien und finanziellen Hilfsmaßnahmen zu stärken.
  2. in verlässlicher Partnerschaft die vielfältigen Kompetenzen und Ressourcen der Volkshochschulen ziel- und ergebnisorientiert in das derzeitige Krisenmanagement im Bildungsbereich aufzunehmen.
  3. einen "Digitalpakt Weiterbildung" auszurufen, um das Versprechen einzulösen, allen Menschen Teilhabe am digitalen Wandel zu ermöglichen.


Wir alle hoffen, dass es uns gemeinsam gelingt, als demokratische Gesellschaft gestärkt aus dieser Krise hervorzugehen, als eine Gesellschaft, in der Chancengerechtigkeit, Solidarität und Zusammenhalt zentrale Werte sind. Die Volkshochschulen und ihre Verbände fühlen sich diesen Werten besonders verpflichtet – in der Krise und darüber hinaus.

Wir danken Ihnen herzlich für Ihre Unterstützung und stehen für Rückfragen jederzeit zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen
Annegret Kramp-Karrenbauer, Präsidentin des DVV
Martin Rabanus, Vorsitzender des DVV
Ansprechpartner
Dr. Christian Hörmann
Tel: +49 89 510 80 10
Dr. Regine Sgodda
Tel: +49 89 510 80 11